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Rückblick 2011

Im Jänner 2011 gab es zum letzten mal Schnee in österreichischen Städten. Die luftig-verschneite Stadtlandschaft, aquarelliert vom Mönchsberg in Salzburg aus, wird, wie zuvor das "Sattler Panorama" von 1826 - 1829, im Atelier dingfest gemacht, um seiner unfassbaren Schönheit endlich habhaft zu werden.

 "Salzburg Panorama nach Sattler", 240x180 cm, 2011, C-Print/DIASEC

Ankauf der Landesregierung Salzburg:

 "Die Geschichte vom Pferd", 170x145 cm, 2006, C-Print/DIASEC

Das Was und das Wie?
"Ich ziele immer auf das Ganze" (Zitat: Thomas Bernhard)
Das Ganze kann im Bild nicht besser dargestellt werden als durch den Globus. Nur die Katastrophe in Fukushima durchbricht diese bildnerische Unternehmung und lässt mein Projekt vorschnell scheitern - es kommt zum Neustart - reset.

 "Global (Fukushima)", 240x180 cm, 2011, C-Print/DIASEC

Der leere-, weisse Raume für die Kunst, im Sinne von "White Cube", ist eine Wiener Entdeckung, die vom Olbrich Bau aus die Welt erobert hat. Eine Künstlervereinigung wird selbstständig. Erschöpft vom Kampf gegen alles Akademische, sinkt sie müde nieder auf die riesigen Stoffballen, welche zur Ausstattung des "Krauthapels" gedacht waren. Auf Tapeten und sonstiges Schmuckwerk wird fortan verzichtet, die Kunst wird auf die nackte Wand gehängt und so einem ganz neuen Kontext unterstellt. Die Aura eines Bildes kann sich so besser über den Bild-Rahmen hinaus entfalten; was bis zum heutigen Tag in vielen Museen und Galerien, den sogenannten "White Cube Galleries", zur empfindlichen Überbelichtung der Kunst, von fotografisch gedacht, bis zu drei Blenden führt. Das Bild scheint viel zu dunkel, weil sich die Pupille des Betrachters schließt, ob dieser Überreizung durch den weissen Hintergrund.
Um meine Skepsis gegenüber dem White Cube zu verdeutlichen, habe ich vor bald 25 Jahren das erste Modell eines solchen weissen Raumes im Massstab 1:10 gebaut, nicht nur um die gähnende Leere des White Cube spielerisch zu füllen, sondern auch um nachzuweisen, dass nur ein Meter Raumtiefe, da wo vorher zehn waren, die Farben heller leuchten lässt, aus dem einfachen Grund, weil weniger weisse Luft zwischen Bild und Betrachter ist.

Wenn das Atelier Mauern hat, dann ist der erste Fehler schon gemacht! "Atelier" ist ein schreckliches Wort, genau wie Malerei auch; wird nur durch "Bildhauerei" übertroffen! KünstlerInnen sind immer User und niemals Owner, sie sollten immer weiter ziehen, sich nicht binden und auf gar keinen Fall der Architektur zum Opfer fallen. Architektur ist teuer, träge und wegen ihrer langen Halbwertszeit in den allermeisten Fällen hässlich, hässlich weil aus der Zeit! Architekten fürchten die Kunst so sehr dass sie im Unterbewusstsein immer schon gegen die Kunst planen. Aus Angst vor meiner Pflicht zur Wanderschaft habe ich meine Tätigkeit durch das Modell-Atelier legitimiert.

 "Reset", 240x180 cm, 2011, C-Print/DIASEC

"Flora und Zephyr", dieser Bildtitel ist seit 2001 im Archiv so oft verwendet dass "Florida" an seine Stelle tritt, und das nicht etwa weil der erste erholsame Urlaub, der auch dem 50. Geburtstag des Verfassers geschuldet war, in Florida, USA gewulfft wurde.

 "Florida", 240x180 cm, 2011, C-Print/DIASEC

Seit 2001, nach einer Tiepolo-Safari durch Venedig, zählen die beiden Naturgötter Flora und Zephyr zum Formen-Vokabular im Wiener Atelier. 2011, also nach genau zehn Jahren, findet diese Nähe zur venezianischen Malerei des 18. Jahrhunderts ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Challenge lautet: mehrere menschliche Modelle ins Bild setzen, diese klar vom Architekturmodell trennen, bei eleganter Umschiffung des tableau vivant!
 
Die Frage lautet: Ist Fotografie heute besser als Malerei damals?

Das Atelier Tiepolo im Venedig des 18. Jahrhunderts ist nur zu vergleichen mit den grossen Film-Studios des 20 Jahrhunderts. Es muss ein ziemlich hoher Raum gewesen sein, der diese Perspektive von unten nach oben zulässt. Die Wolke, auf einem langen Balken modelliert, ragt schräg hinauf zum Dach. Durch die Öffnung brennt tagelang die immer selbe venezianische Mittagssonne auf die Haut von Flora und Zehpyr. Die beiden Modelle sind Stars im Venedig des 18. Jahrhundert. Wie heute auch sind es immer wieder die selben Brad Pitts und Angelinas die in den grossen Produktionen die Hauptrolle spielen. Sie, Flora, ist das Mädchen vom Land, er, Zephyr, der Feschak der sie bestäuben wird. Ein höchst natürlicher Vorgang, der dennoch nur im haydnischen Bildgut möglich ist.
Mit der Rechten hält er einen Blumenkranz, was heute wohl das Volant eines Alfa Romeos sein würde, cool bedient er den Knopf für den Liegesitz, der die beiden gleich in die Horizontale nach hinten bewegen wird.
Der Balken wird mit einer Decke aus Pferdehaar verkleidet. Flora trägt einen orangen Rock, Zephyr einen grünen Umhang (dessen Schliesse sich gerade öffnet). All das lässt sich mit ein bisschen Seide und Tell-Wolle nachbauen, nur das Zipfelchen am Ende der Wolke, das aus dem Alfa einen Veuron und aus der Wolke einen Atompilz macht, lässt sich mit keinem Material der Welt gestalten- genau an dieser Stelle wird der Meister das Wunder der Malerei bewirken!

Um eine gültige Fotografie entstehen zu lassen will der dokumentarische Charakter derselben, gegenüber dem malerischen Anteil des Bildes, gewahrt bleiben. Dabei hilft die Snapshot-Perspektive, also das aus der Hüfte "geschossene" Fotos eines (z.B.) neugierigen Eindringlings, der nicht nur das Werk aufnimmt, sondern dessen Schaffensprozess gleich mit.
Die Grenzen zwischen Kunstwerk und Dokumentation sind fliessend, verlaufend. Die menschlichen Modelle sind zum Teil noch von dieser Welt, aus Fleisch und Blut und zum Teil schon in Kunst verwandelt, mittels Wasserfarbe auf weissem Grund. So kommt es nicht nur zu einem Verlauf zwischen Fotografie und Malerei, sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Ist Fotografie Kunst? Wenn ja, dann zieht das kleine Zitat über dem Kopf des Wannabe-Tiepolo, rechts oben die Gewichtung auf die richtige Seite, die der Pinselei. Der wesentliche Verlauf des Bildes liegt zwischen dem Moment der modellhaften Performance der Darsteller und dem fertigen Deckenbild.

Dreh- und Angelpunkt der Darstellung von Flora und Zephyr (nach Jian Battista Tiepolo) bleibt der Blütenkelch der Flora und deren Bestäubung durch eine Libelle (Zephyr). Die Erkenntnis meiner zehnjährigen Beschäftigung mit diesem ewigen Bild der Befruchtung ist, dass die Maler des 18. Jahrhunderts schneller gemalt haben als wir heute fotografieren, dabei sehr viel mehr Spaß hatten und dass das orange Blüten-Röckchen von Flora eine Tulpe ist und Zephyrs Umhang das Blatt einer Paradisica. Die Libelle in "Florida (Flora & Zephyr) II" ist natürlich ein Souvenir aus Florida!

 "Almbachklamm III", 200x100 cm, 2011, C-Print/DIASEC

Nach einem herrlichen Sommer kommt endlich der Herbst. Ganz in der Nähe von Salzburg entdecke ich die Almbachklamm. Wohl wegen der Deutsch-Österreichischen Grenze, die zu meiner Kindheit eine streng bewachte war, und dem Umstand, dass die Almbachklamm für Schulklassen zu gefährlich ist, erscheint mir dieser Ort wie die Landung auf einem anderen Planeten.
Eigentlich wollte ich nur mit dem Auto zur Tabak-Trafik, bin dann aber weiter gefahren Richtung Marktschellenberg, immer weiter gefahren, über die ehemals Deutsch-Österreichische Grenze im Wald, genau da wo wir als Kinder immer nach geschmuggelter Schokolade und Spielsachen gefilzt wurden, wenn wir von unserer bayrischen Grossmutter mit dem Rad nach Salzburg zu unseren Eltern nach Hause gefahren sind.
Ich springe auf dem Parkplatz der Klamm aus dem Auto und steige mit modischen Halbschuhen hinein in dieselbe. Erst wollte ich nur ein paar Meter gehen, konnte dann aber nicht mehr halt machen und wurde vielmehr, wie von einem Sog, 300 Meter zum Eingang der Klamm hinauf gesogen, so wie das Wasser unaufhaltsam zum Ausgang der Klamm nach unten stürzt.
Die Augsburger Pioniere haben 1863 bei der Erschliessung ganze Arbeit geleistet, Wege und Treppen sind besser befestigt als das Stiegenhaus in so manchem Wiener Gemeindebau! Ganz in der Nähe befindet sich der ehemalige Berghof, der der Gegend während des 3. Reiches zu trauriger Berühmtheit verholfen hat, was mich jetzt lässig von Berchtesgaden nach New York überleiten lässt.

In New York, im Austrian Cultural Forum habe ich im Mai ein mittelmässiges Wandgemälde gesehen welches das Bombardement der Alliierten, eben diesen Berghofes zeigt. Als Teil einer Gruppenausstellung, in der auch eine Variante von "Alutal" (2006) zum Thema "Alpine Desire" ausgestellt war. Mein Vortrag im ACFNY, zur Entstehung der Flora und Zephyr-Serie, bleibt mir gut in Erinnerung: Ein Treffen mit einem freundlichen Finanz-Staatssekretär bei einer Österreichischen Wein-Verkostung in Soho und nur noch wenige Galerien die noch weniger Kunst zeigen passen ins Bild. Danach weiter nach Admirals Cove, Florida, wo bei Freunden ein paar Tage gewulfft wird und ich erstmals einen Golfschläger in die Hand nehme. Golf ist so wunderbar, wenn die Zeit und der Raum und das Material dazu ausreichend vorhanden sind und der Job zur Beschaffung eben dieser Qualitäten nicht der eines Künstlers ist!

Die Kunst lässt weder Zeit, Raum noch Material für irgend etwas anderes. Tut sie es doch dann wird das Künstlerdasein doppelt schwer!

Lois Renner