Retabel (Das Echo)

 

 

 

 

Lois Renner / S. D.: Grünewald.
Ein Dialog.

Februar 2010

SD: Meine Frage ist recht einfach: würden Sie ein Auftragsbild malen? Es sollte ein Triptychon nach einem christlichen Vorbild sein. Als Vorbild könnte ich mir den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald oder ein Triptychon von Rogier van der Weyden vorstellen – das Kreuzigungstriptychon, oder das Sforza-Triptychon? Diese beiden Beispiele entsprechen nicht unbedingt Ihrem opulenten Stil, aber gerade wegen des Zurückgenommenen, insbesondere im Isenheimer Altar, hatte ich an Sie gedacht, um eine zeitgemäße Interpretation zu gestalten. Sie haben ja eine gute Hand für das Ikonenhafte, für das Verbinden der verschiedenen Techniken, und für die Übergänge der Epochen. Die Malereien der flandrischen Renaissance wollen doch eigentlich Photos sein, und Grünewald, der letzte Gotiker, würde heute wohl eine Reportage machen, anstatt zu malen. Und sie träfen damit auf ein Motiv, das die Kunst über fast zwei Jahrtausende beschäftigte – Allerdings nicht mehr im 20. und 21 Jahrhundert, die christliche Kunst ist nun ja fast ganz verschwunden. Wer malt heute noch eine Kreuzigung, eine Auferstehung? Ein Grund, es wieder aufzunehmen. Was halten Sie davon?

LR: Für die Aneignung von fremder Kunst für das eigene Formenvokabular nütze ich gerne die Anregung und Unterstützung eines „Komplizen“! Den Isenheimer Altar kenne ich gut. In meiner Zeit an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe war ich, angeregt durch meinen Freund und Kollegen im Lehrkörper, Hans Belting, öfter in Colmar, um das „Wunder“ zu sehen.

SD: Ich dachte an eine ähnliche Umsetzung wie bei Flora II. Von da aus kamen mir dann etliche Ideen, die mich von einer Umsetzung wie im Atelier wegbrachten. Zunächst hatte ich die Idee, dass man das neue Bild dem Colmarer Original direkt gegenüber stellen könnte, sozusagen als Altarbild des Altars. Das ruft das Motiv zurück in die Erinnerung. Wieso malt man denn heute keine Kreuzigungsszene mehr, obwohl es sicherlich das am meisten verbreitete Kunstmotiv überhaupt ist, und man weiter fleißig Kruzifixe produziert? Weil es zu viele Photos von sterbenden Menschen gibt? Eine Alternative dazu wäre die Präsentation in einem ganz anderen Kirchen/Atelierraum, einer Art protestantischem white cube: weiß, schlicht, schmucklos, kahl, wie etwa einer aufgelassenen Fabrikhalle. Golgota war ja eher ein zugiger Vororthügel. So käme das reine Kunstwerk in den Mittelpunkt. Am Ende rückte die bewährte Ateliervariante wieder in der Vordergrund meiner Gedanken.

LR: Warum nicht Kruzifixe malen? Die Frage ist berechtigt. Immerhin ist dieses Kürzel Teil unserer kulturellen Grundausstattung. Zumindest in meiner Kindheit war in jedem Zimmer eines montiert. In den Jahren 1995–2000 habe ich Kruzifixe häufig in meinen Bildern benützt. Gestohlen wird was gut ist, oder, wie Picasso meinte: „Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen“. Wenn man abstrahiert und in ein Modell oder eine Idee zurückverwandelt, dann sind viele, vielleicht die meisten Geschichten schon erzählt worden. Heutige Malmittel erlauben einen fließenden Verlauf von Original und Reproduktion, immer entsteht dabei etwas Neues, einfach auch deshalb, weil die Mittel neu sind. Grundsätzlich halte ich den Isenheimer Altar und Ihr damit verbundenes Anliegen für einen Glücksgriff! Nicht nur, weil es das letzte Bild einer Epoche ist, die mit unserem Wechsel von analog zu digital gut verglichen werden kann, sondern auch, weil das große, expressive Kunstwerk viele Zugänge offen hält.

SD: Auf den Übergang von analog zu digital wäre ich nicht gekommen. Als Verwertung steht für mich natürlich die Montage zu einem Altar/Altarbild im Mittelpunkt, und sicher auch einmal eine Ausstellung. Der Isenheimer Altar ist ja auch ein paarmal „gereist“, allerdings in den Wirren des 1. Weltkriegs. Im Februar 1917 kam er in die Alte Pinakothek nach München, um nach eingehender Restaurierung der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Fast ein Jahr war der Altar dort zu sehen, bevor er im September 1919 wieder nach Colmar zurückkam. Nach einer Beschäftigung mit der Bildsprache des Mittelalters kann ich bald begründen, wieso es ausgerechnet dieses Bild sein soll. Die für mich bewegende Erkenntnis ist die Handhaltung von Jesus Christus in der Kreuzigungsszene, die zum Kelch geformten Hände werden in einer Auslegung zu Symbolen des Annehmens des Schicksals. Ich glaube, wie andere nach langer Diskussion in der medizin- wie kunsthistorischen Forschung ja auch, dass es anders gemeint ist: als hilfesuchender Kranke der Antoniter erkennt man sich in diesen Händen wieder, denn das Antoniusfeuer (die zu extremen Gefäßverengungen führende Vergiftung durch Mutterkorn) führt auch zu Verkrampfungen der Extremitäten. Der ins Hospital des Antoniterklosters in Isenheim aufgenommene Patient sieht den Altar und konnte sich im Bild wiedererkennen. Es ist auch das verbindende Element zwischen Jesus und Maria Magdalena: beide leiden an Ergotismus in verschiedenen Stadien. Haben Sie auch gesehen, wie Johannes Maria am Arm packt? So fasst man nur jemanden an, der im Fallen begriffen ist. Maria muss wohl gerade realisiert haben, dass ihr Sohn tot ist, und in diesem Augenblick fängt Johannes sie auf. Das Bild ist durch und durch auf die Wirkung auf den Betrachter ausgerichtet. Deswegen auch das Kind in der zerschlissenen Windel. Das kennen die armen Leute. Einer von uns! Praktisch Pop-Art aus dem späten Mittelalter. Ich glaube jetzt, dass die Modernisierung des Bildes darin bestehen müsste, dass man es aus dem rein kirchlich- institutionellen Kontext holt, und es wieder ganz dem Menschen zuwendet. Ein Laie wie ich sieht zu Beginn nur Jesus am Kreuz, und schon wieder die klagende Maria – tausendmal reproduziert. Der denkt dann Kirche, Kirche Kirche. Also, rein ins Leben damit!

LR: Ich unterschreibe jedes Wort – alles ganz weltlich! Und ich erkenne, dass im Atelier Grünewald auch Modelle gebaut wurden. Der Baum der Kreuzigung ist keinen Meter breit, der dahinterliegende Fels eine Steinplatte, wie sie früher für den Straßenbau verwendet wurde. Ich frage mich, was passiert, wenn Sie erstmals in Colmar gewesen sein werden. Mich hat es jedenfalls umgehauen, die Auferstehung und die Füße des Gekreuzigten sind unfassbar expressiv und psychedelisch! Es freut mich ungemein, dass ich mit meinen Bildern Menschen wie Sie erreiche, denn das war nicht immer so! Malerei mit fotografischer Oberfläche musste ich lange vorbereiten, im Sinne von Grundlagenforschung, und die vorhandene Malerei in Atome zerlegen und dann alles neu zusammensetzen.

SD: Die Fotografie ist ja die transportierende Technik, das Künstlerische liegt in dem, was vor dem Foto kommt. Bei dem, was jetzt kommt, gehen Sie aber noch einmal ein Stück weiter, weil das Thema so klassisch und überpräsent ist, sodass es geradezu eine Motiv-Revolution ist. Sie werden sehen, das wird großartig. Sie sind so ernsthaft dabei, das ist sehr ermutigend.

SD: Der Vorschlag ist klar. Nur zu! Vielleicht nimmt man für die „Flügelerweiterung“ die Farben blau und grün aus den anderen Schauseiten (die Vorhänge) wieder auf, wenn es sich nicht mit dem rot beißt. Na ja, da sind Sie der Experte. Es wäre eine Brücke zu dem fehlenden zweiten Wandelbild mit „Madonna mit Kind“ („der Menschwerdung Christi“) und dem Engelskonzert, wenn ich mich recht erinnere. Aber wie gesagt, Sie sind der Künstler.

LR: …und Sie sind der „Stifter“! Vielleicht ersetzen wir Mütter, Kinder und Sebastian durch Ihre Familie?

SD: Oh nein, das würden russische Oligarchen machen. Auch wenn ich tolle Kinder habe, aber hier steht die Kunst im Mittelpunkt.

 

März 2010

LR: Heute sende ich den Bildplan, so wie ich mir die Abwicklung der Malerei vorstellen kann. Wenn Ihnen der vorliegende Entwurf zusagt, so würde ich dann jetzt mit der Arbeit beginnen.

SD: Der Bildplan gefällt mir gut. Ich denke, die Erweiterung der Außenflügel stellt kein Problem dar, zumindest sieht es nicht ungewöhnlich aus. Wenn man allerdings die Außenflügel mit der Oberkante des Mittelteils abschließen lassen würde, also nicht nur breiter, sondern auch höher machte, dann könnte man auf den Außenseiten wiederum die Verkündung und Auferstehung tauschen, so dass sie nicht mehr links-rechts vertauscht sind. Es käme aber nur in Frage, wenn man auf eine Rückseite verzichtete. Bei einem auf einem Gestell montierten Retabel, also einen, um den man herum gehen kann, wäre die Flügelanordnung ja so richtig (wie im Original). Wie das wirkt, müsste man einmal sehen. Oder wäre es zu klobig? Konsequenterweise sollte dann auch der Mittelteil mit Jesus wahrscheinlich keine zentrale Erhöhung mehr haben. Ich frage mich aber, ob es nicht doch so sein müsste – damit die Kreuzigung viel bedeutsamer, zentraler erlebt werden kann. Anbei schicke ich Ihnen ein Bild von Adolph Menzel aus der Berliner Nationalgalerie. Ich war letzte Woche kurz dort, eigentlich wegen des Neuen Museums (sehr lohnenswert). Es fiel mir gleich ins Auge, da das Motiv (ein barocker Altar) doch gut zu unserem Vorhaben passt. Ich habe Sie ja auch über die Menzel- Renner Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg kennengelernt. Ob man was daraus machen könnte? Das ginge dann wohl nur als Zitat in der Flügelerweiterung, also am Rand. Vielleicht würde es auch nur ablenken. Menzel ist mein absoluter Lieblingsmaler, aber mir gefallen eigentlich nur die einfachen Motive (sein Sommerzimmer mit dem wehenden Vorhang, der Breslauer Hinterhof…) — da wirkt er wie ein Impressionist.

 

April 2010

LR: Meine letzten drei Wochen waren arbeitsreich und voller Konzentration. Zunächst dachte ich an eine Prüfung meiner Standfestigkeit durch Ihren Vorschlag, den barocken Altar von Menzel aus dem 19. Jahrhundert zu verwenden. Dann aber habe ich das Bild in meiner Bibliothek gefunden und – oh Wunder – es passt genau! Nur wer genau hinschaut und die nötige Bildung mitbringt, wird sehen, dass diese für die Gotik undenkbare Balustrade schon von Menzel gefiltert, also von Schadstoffen gereinigt war. Im Gegenzug hatte ich die Idee, keinen Rahmen bauen zu lassen, nur Scharniere, sonst nichts. So wie das Bild an Ihrer Wand zuhause, nur gedoppelt, also die Flügelbilder Rücken an Rücken geschraubt, und diese Sandwiches dann mit Scharnieren am Mittelteil befestigt. Magneten lassen die Flügel im geschlossenen Zustand einrasten. Was für ein Ostern, der Isenheimer Altar wächst in meinem Atelier! Ein Bild zur Heilung des „Heiligen Feuers“, angeregt von einem Pharma-Manager!

SD: Anfangs war ich doch etwas geschockt, als ich die Idee bei meinem Atelierbesuch recht real und bunt habe hängen sehen – gut, dass wir uns gleich zum Schnitzelessen verabschiedet haben. Jetzt bin ich – so wie Sie – froh und erleichtert, dass wir das Vorhaben auch weiterhin mit einem gemeinsamen Verständnis fortführen werden. Man weiß doch nie, wie man sich im Angesicht des wirklichen „Werks“ gegenseitig versteht. Ich bin fest davon überzeugt,dass es großartig und erfolgreich wird. Vielen Dank insbesondere für Ihre elegante Art, mir über den Diskurs zum Malen meine Idee des „Weglassens“ wieder ausgetrieben zu haben. Gegen ein einfaches „Nein“ hätte ich mich sicherlich auch nicht gewährt, aber dann wäre es schwieriger geworden. Ganz überzeugt war ich allerdings erst, als wir wieder im Atelier waren, und ich anhand des Deckengemäldes die Möglichkeiten der Digitalisierung erlebt habe. Ich hatte die Digitalisierung eher als technisches Gestaltungsmittel verstanden, sozusagen als zusätzlichen Pinsel, jetzt ist mir aber klar, dass es nur so gehen kann. Daher muß es auch zunächst ohne Weglassung gemalt werden. Diesbezüglich haben Sie mich, zum Glück, bekehrt. Sehr glücklich bin ich über die Lösung durch Hineinnahme des Sebastian, das wird wirklich sehr gelungen, geradezu ein Sprung in die Welt.

LR: Tausendmal habe ich im Kopf andere Wege durchgespielt. Warum sollte das Christentum und seine Bilder hier und heute enden? 2000 Jahre ein und dieselben Bilder vom Leiden unseres Erlösers…Auch glaube ich nun wieder, dass es Grünewald als Künstler tatsächlich gegeben hat. Ausgerechnet ich, der ich es ja auch schaffe, im Alleingang Bilder, Kataloge und ganze Ausstellungen mit Informationen voll zu stopfen, die später vermutlich weder richtig gelesen, noch als solitäre menschliche Leistung eingeordnet werden können. — „Das haben 100 Mitarbeiter und der Computer gemacht“, werden die Menschen in 500 Jahren hoffentlich auch über mich nicht sagen, zumal ich bis 1999 ohne Rechenkräfte ausgekommen bin und bis 2005 in Ermangelung der Mittel keine manpower zukaufte! Ein Retabel ist phänomenologisch nur mit meinem Malerei-Modell zu vergleichen, ein Pinseln im Sinne von Gerhard Richter, also Malen nach Fotos, reicht da nicht. Allerdings habe ich mir für mein Modell 20 Jahre Zeit genommen! Um das Bild noch in dieser Dekade fertig zu stellen, bin ich nach wie vor dafür, dass der Altarschrein zu weiten Teilen in seiner oberflächlichen Komposition erhalten bleibt, um archetypische Schaukonventionen zu bedienen, also den Rezipienten unseres „Echos aus der Gotik“ mit der erschreckenden Tatsache zu konfrontieren, dass es Reality-TV, CNN… immer schon gegeben hat! Das Retabel wird zu weiten Teilen „abgemalt“, und an den entscheidenden Stellen mittels der heute gültigen Beweiskraft der Fotografie verfeinert. So werden scheinbar wichtige Details automatisch gelöscht und scheinbar unwichtige durch Technik hervorgehoben. Kurz bevor es kippt, rette ich mich über Sebastian in die uns vertraute Realität zurück, in den Raum des Betrachters, der dann aber auch kein wirklicher Schutzraum mehr ist! Das Kruzifix hinter den Flügeln zu verbergen und wieder hervor zu holen, war für mich bislang ein wichtiger Effekt, der vielleicht aber nur meiner Liebe zum barocken Guckkasten geschuldet ist. Wenn schon irgendwann eine Rückseite gemacht werden soll, dann lieber ein weiteres Bild mit Raum, im Sinne von Schnitzplastik, also nichts Gepinseltes. Vielleicht das Video? Dann müsste es auch in einer Art Guckkasten sein, also mit Rahmen drumherum, der so groß wie das Mittelstück ist.

SD: Den Guckkasten hatte ich anders verstanden, es ist ja eher ein Guckkasten-Effekt. Vielleicht widmen wir uns der Rückseite erst, wenn das Ganze wirklich fertig ist, und es auch eine konkretere Ausstellung vor Augen gibt. Dann fällt uns vielleicht schon wieder etwas Neues ein. Das Video ist immer noch sehr gut. Das müsste dann mit Musik unterlegt sein, denn im Mittelstück, dem zweiten Wandelbild, ist ja ein Konzert gemalt.

LR: Nein, ich meine den „Vorhang-auf!“-Effekt, der durch das Öffnen der Flügel entstehen wird… Ich stelle es mir toll vor, wenn die beiden psychedelisch bunten Flügel im geschlossenen Zustand zu einer Euphorie verleiten, die beim Öffnen derselben in Schockstarre umschlägt! Das ist die Qualität des Isenheimer Altars, die ich unbedingt übernehmen möchte, auch wenn dieser das Kruzifix nie ganz verbirgt, und die Seitenflügel auch sonst für Besucher in Colmar nicht beweglich sind. Das nenne ich vielleicht fälschlicherweise den „Guckkasten- Effekt“ – „Überraschungseffekt“ hätte möglicherweise besser gepasst. Das Guckkastensehen hängt mit dem „Bühnenblick“ zusammen. Das ganze Wochenende habe ich mir vorgestellt, wie Grünewald ein männliches Opfer des Heiligen Feuers als Modell auf das Kreuz genagelt hat, und wie wir das wohl heute machen würden. Mit Plastinaten? Kurz habe ich auch überlegt, ob ich zur Arbeit am Kruzifix in das Stift Admont übersiedle. Der Konvent würde Augen machen, wenn ich in der Stiftsbibliothek mein Camp aufschlage, genau wie vor zehn Jahren.

 

Mai 2010

LR: Dieser Tage haben wir die ersten prints bekommen, Antonius und die Auferstehung. Die Aquarellfarben entfalten sich im Format der Flügel sehr gut. Ich bin so zufrieden wie erschöpft! Jetzt wird immer klarer, welch großes Projekt wir hier vorantreiben. Auch bin ich heute endlich mit dem schwierigsten Teil vom Kruzifix fertig geworden! Es lag sicher nur am Pollenflug, dass ich zwei Tage nicht arbeiten konnte, aber es ist schon sehr schwer nicht in dem Glauben zu verfallen, dass das Malen von Gott schwieriger ist, als das Malen eines jeden anderen Menschen.

LR: Es ist vollbracht!! Nachdem ich die Kreuzigung fertig „gepinselt“ habe, ging mir in den letzten Tagen auch der Sebastian-Flügel gut von der Hand (…auf Altmeister- Deutsch). Ohne unser sehr gutes Konzept der späteren Weiterentwicklung aufweichen zu wollen, denke ich, dass diese Tafel besser nicht sein könnte! Der linke, hohe Bildteil ersetzt die musizierenden Engel. Das auffällig schöne Schnitzwerk wird durch das Kumtgeschirr an der Rückwand dargestellt. Dieses Prinzip der Pferdeanspannung, welches (nach Benno von Achenbach) in der englischen Kumtanspannung und in der ländlichen Anspannung unserer Arbeitspferde („Kommat“) bis heute verbindlich ist, lässt sich bis ins frühe europäische Mittelalter zurückverfolgen. Ich behaupte ganz frech, dass der geschweifte Spitzbogen im gotischen Baustil deshalb „Eselsrücken“ genannt wird, weil er sich von eben dieser Zugtechnik herleitet. Unten liegt ein Strick mit fünf Enden, ein Pinsel durchbohrt den tapferen Sebastian, was dem ganzen Bild (mit Ihrer Erlaubnis) einen Tupfer Humor beisteuern soll. Mit dem aufgeschlagenen Buch hinten, und den beiden Buchseiten an den Wänden, sind alle Tafeln des Isenheimer Altars in irgendeiner Form dargestellt. So kann der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden.

SD: Die Idee mit den aufgeschlagenen Buchseiten ist sehr gut, auch der Übergang zwischen den einzelnen Ebenen ist sehr schön gelöst. In der Nachbearbeitung wird Sebastian wahrscheinlich wie ein lebendiges Modell im Atelier stehen. So kann man es sich fast wie in der Grünewalder Werkstatt vorstellen. Wie nennt man das Werk denn jetzt? Ich dachte erst an „Grünewald“, aber „Die Isenheimer Werkstatt“ würde auch passen. Na ja, das ist wohl nicht so wichtig.

LR: Der Titel der Arbeit beschäftigt mich auch, ist doch die Sprache das genaue Gegenteil von bildender Kunst und somit unerlässlich! „Grünewald“ oder „Isenheimer…“ treffen es nicht. Um davon weg zu kommen, sage ich öfter mal „Alibert“. Das klingt zunächst geringschätzend, rechnet man aber 500 Jahre vor in die Zukunft, so klingt das schön, und nur Hochgebildete werden dann noch wissen, wofür dieses Wort einmal stand. Letzte Woche habe ich meinen Freund Pater Dr. Gustav Schörghofer in einer nicht profanen, aber doch eher unwichtigen Angelegenheit um Rat gebeten. Meine Nichte Valentina soll zur Firmung! Gustav ist in etwa so alt wie ich und auch aus Salzburg. Heute ist er Rektor der Jesuiten/Universitätskirche in Wien (Anm.: 1998 bis 2013). Wenn die Benediktiner reich sind, so sind die Jesuiten mächtig! Er ist Kunsthistoriker und verfügt über die schönste Kirche in Wien, neben dem Stephansdom. Zur Zeit hängt ein mit Foto bedrucktes Tuch von Gabriele Rothemann im Barock-Hochaltar! Es zeigt einen gehäuteten Hasenkopf, der in ein Hasenfell gewickelt ist. Ich habe ihm vorsichtig von unserem Unternehmen erzählt. Besorgt hat er darauf hingewiesen, wie viele Künstler sich bereits an Christus abgearbeitet haben. Sobald der Schrein an der Atelierwand hängt, und sich der Schweiß des abgearbeiteten Künstler verflüchtigt hat, werde ich ihn einladen.

SD: Am Wochenende habe ich mich durch zwei dicke Buchschinken zur Renaissance gelesen. Erstaunlich, dass dieser Grünewald-Altar praktisch zeitversetzt aus einer anderen Epoche entstehen konnte. Das wäre so, als würde ich Ihnen heute noch handgeschriebene Billetts per Postkutsche nach Wien schicken, und jenseits der Alpen hat man schon Email. Eigentlich unglaublich. Das bestärkt mich umso mehr, dass wir das richtige Motiv gewählt haben, denn im Grunde muß der Grünewald doch ein Wanderer zwischen den Welten der Gotik und Renaissance gewesen sein. Vielleicht stand er einmal im Atelier und sagte sich „Verdammt, ich will wie die Italiener malen, aber die bodenständigen Mönche haben Gotik bestellt.“ Sie wandern bei unserem Bild aus der „alten“ Welt der Malerei in die neue der digitalen Komposition. Ich bin mir sicher, dass ein da Vinci heute digital arbeiten würde, denn der war ja genauso Ingenieur wie Maler. Eine sehr schöne Parallele zwischen heute und damals. Den Gedanken sollten wir nicht verlieren. Den Titel Alibert finde ich zwar humorvoll – der hat ja auch drei Türen – aber ist das dem Bild angemessen? Ich lese es so, dass Sie den Titel gewählt haben, um dem Werk etwas Leichtigkeit zu geben. Der Titel ist zwar nicht so wichtig, aber ich glaube, das versteht keiner, vor allem nicht im Ausland. Er ist erklärungsbedürftig, und lenkt daher vom Bild ab. Spontan fällt mir jetzt der Beginn einer Kafka Erzählung (Die Brücke) ein: „Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich.“ Das könnte Jesus sagen, wenn er das Bild betrachtet. Sagen Sie es einmal laut, wenn Sie vor dem Bild stehen. Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke….Die Wirkung ist enorm. Das geht natürlich auch kürzer: Ich war eine Brücke. Das sagt doch alles über den Bildinhalt, die Kunstform, die Umsetzung, über Ihr ganzes Werk.

LR: Die ganze Welt ist digitalisiert und in Leipzig wird gepinselt. Ich glaube, Grünewald war im besten Fall ein Leipziger, und im schlimmsten Fall ein Düsseldorfer! Die Ersatzbrücken der Feuerwehr oder des Bundesheers haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Faltwerk des Bildstocks. Apropos, seit wenigen Minuten hängen Sebastian und Antonius links und rechts neben der Kreuzigung. Ein im wahrsten Sinne des Wortes großer Augenblick für dieses kleine Atelier!

SD: Wenn man es so sieht, könnte man glatt noch mehr Appetit auf moderne Elemente bekommen, denn die Sebastian-Seite ist schon sehr gut. Das Werk sieht überhaupt einfach wunderbar aus und ist sehr stimmig, denn das moderne Ateliermotiv wird auf der Antonius-Seite durch einen für seine Zeit modernen Maler wieder aufgenommen. Gerade kam mir die Frage, ob man nicht doch eine Predella anfügen sollte. Als reines Farbexperiment.

LR: Eine Predella könnten wir zunächst unter die mittlere Schauseite hängen, und später auch auf einem gemeinsamen Gestell montieren. Farbexperiment, Sie meinen moderne Malerei oder abstrakte Fotografie? Farben sind eigentlich das alles Verbindende in der Malerei und somit das wirklich Neue in meinem Werk. Fotografie benütze ich nur, wenn ich sicher bin, dass ich diese mit Farbe anreichern kann! Morgen kommt Pater Schörghofer. Der wird ein gewichtiges Wort dazu beitragen!

SD: Die Gestaltung der Predella wäre natürlich Ihnen frei überlassen. Mir ist nur aufgefallen, dass das Motiv der Predella in Colmar doch moderner ist als der Rest: das viereckige, klare Grab, das verdeckte Gesicht der Maria. Da war Grünewald ganz modern. Wie der Jesus in der Pinacoteca di Brera in Mailand. Das dürfte nicht verloren gehen. Eine wirkliche Idee habe ich nicht. Möglich wäre, die Malerei des Originals über ein Arrangement im Atelier nachzubilden. Also dann als Photo.

LR: Heute war Pater Gustav Schörghofer zu Besuch. Christus ist für ihn selbstverständlich, sodass er auf Darstellungen Gottes in etwa so reagiert wie jeder gemeine Atheist, nämlich gar nicht. So gesehen war seine Reaktion auf unser Projekt äußerst erfreulich! Er findet es sehr gut, dass wir uns für den Isenheimer Altar entschieden haben, weil dieser eben zeitlos ist. Die bunten Tafeln eignen sich sehr für die Aneignung durch meine Bildtechnik, so der Kunsthistoriker im Jesuiten. Den Zugang, oder Ausgang über den hl. Sebastian findet er passend und auch ausreichend, zu mehr „Löchern“ würde er nicht raten, womit sich seine Meinung weitgehend mit unserer deckt. Er hat „Das Echo“ als Titel vorgeschlagen. Die Predella würde ich am liebsten später, mit etwas Abstand, machen. Ich denke dabei an ein Grab vor einer Landschaft mit Felswand und einer Festung, also genau wie bei Grünewald. Vielleicht im Garten unserer Salzburger Wohnung, dort könnte ich ungestört ein Modell einer Landschaft aufbauen. Im Atelier würde alles Grünzeug sofort verwelken, wenn ich nur einen Scheinwerfer einschalte. Die Felswand und die Festung wären dort schon vorhanden. Auf das Modell lege ich einen schlanken Mann mit Vollbart (unser guter Paul müsste erst überredet werden…). Die beste Maria Magdalena habe ich heute auf dem Gehsteig vor dem Atelier gesehen. Zu gerne hätte ich sie angesprochen, mir dann aber die Folgen vorgestellt, wenn ich eine wildfremde Frau mit der Bitte anspräche, sie möge sich zu Paul vor die Kamera setzen, der da grünlich, von Wundmalen zerfressen, einen toten Jesus mimt.

 

Juni 2010:

LR: Morgen entscheidet sich, ob der Retabel in Düsseldorf oder in Wien gebaut wird. Die Wiener wollen Stangenscharniere montieren, die Düsseldorfer Klappscharniere. Die Versuchsarbeiten haben einige Zeit in Anspruch genommen. Entscheidend ist das Gewicht. Etwa 75 kg wird das Kunstwerk wiegen.

SD: 75 kg! Das ist ganz schön viel. Da muss ich ja dann Stahlanker in der Wand versenken….

LR: Wenn es nach den Österreichern geht, dann wird es noch schwerer. Unser Projekt kann über die materielle Ausarbeitung noch weiter in die Gegenwart transformiert werden, als ich zunächst dachte. Dazu ist es notwendig, dass nur mit poliertem Acrylglas ausgearbeitet wird. Die Wiener Labor-Leute und Acrylglas-Spezialisten haben heute ihr Angebot für 2x 4mm Plexiglas und 20mm Plexiglas gelegt. Die Kanten werden poliert.Das Düsseldorfer Angebot erwarte ich für morgen. Die bundesdeutschen Partner schlagen 2 mm Plexiglas für die Flügel vor, was aber den Glanz mindern dürfte.

SD: Bitte gehen Sie bei der Umsetzung nur nach Ihren Qualitätsstandards, es soll ja ein glanzvolles (Glanzvolles) Werk werden.

LR: Herrlich! Erst einmal danke für das „grüne Licht“! Ich bin fest entschlossen, das Retabel in die Gegenwart zu holen! Ich denke der Auftrag geht nach Düsseldorf. Mit der Fertigstellung, die ich kaum erwarten kann, ist nicht vor der Woche des 3. Juli zu rechnen.

 

Juli 2010

SD: Nachdem wir gestern gegen die Spanier 0:1 verloren haben, kommt mir das Bildmotiv wie die spanische Inquisition vor. Komische Assoziation. Dabei ist nicht mal ein Ball zu sehen. Am Dienstag war ich in Utrecht. Die Holländer haben zwar schlecht gespielt, aber gewonnen. Wir haben schlecht gespielt und verloren, jetzt wäre es uns doch recht, wenn die Mannschaft wieder weniger gut, sondern altdeutsch erfolgreich spielen würde.

LR: Die Arbeit am Retabel dauert doch viel länger, als ich erwartet habe. Der früheste Termin für die Anlieferung ist jetzt der 21. oder 22. Juli. Ich war im Endspiel der Euro und erinnere mich nicht gerne an die Spanier! Fernando Torres flog damals mit seinen weiten Schwingen, einem Engel gleich, über Philipp Lahm, der zu Boden ging, und nahm so alles Leben aus dem Deutschen Fanblock! Ich hoffe auf die Reservebayern. die Niederländer. Zu begrüßen ist in jedem Fall, dass eines der beiden Länder erstmals Weltmeister sein wird.

LR: Leider sind meine Lieferanten nicht so fix wie ich, deshalb ist der Altar erst seid heute fertig. Für den Transport von Düsseldorf nach Wien wäre es gut zu wissen, ob Sie nach Wien kommen möchten, damit ich weiß, wie viel Zeit ich für den Transport habe. Die Kosten hierfür steigen und fallen analog zu dem Druck, den ich auf die Logistik mache. Später werde ich mein verlorenes Körpertelefon wieder finden und anrufen.

SD: Nur keine Eile: ein Ausflug nach Wien ist nicht eingeplant. Sie können also den Trödelexpress nehmen.

LR: Der Retabel ist im Atelier! Mit dem Auspacken warte ich noch…

SD: Wunderbare Neuigkeiten! Warten Sie mit dem Auspacken nicht auf mich. Mal sehen, wie Ihnen das Endprodukt gefällt. Das Auspacken sollten Sie allerdings filmen lassen, damit man Ihre Reaktion erhält. Das gehört zur Entstehungsgeschichte dazu.

LR: Alles klar, an Video habe ich natürlich auch gedacht, aber Achtung, ich bin ein begnadeter Schauspieler und werde mich auf jeden Fall auf den Boden werfen!

SD: Umso besser. Nur viel Emphase, Sie haben ja keinen Blumenstrauß gemalt! Denken Sie einmal daran, was Michelangelo heute machen würde: eine Doku auf arte zur Entstehung der Sixtinischen Kapelle. Außer Zweig fällt mir niemand ein, der die Entstehung eines Kunstwerks wirklich gut beschrieben hätte.

LR: Ja wir sind schon eine sehr begnadete Epoche, mit all unseren Reproduktions-Werkzeugen. Ein sehr guter Kritiker hat einmal etwas in der Art geschrieben: „Lois Renner ist der Beobachter, der sich selbst beobachtet wie er beim Beobachten beobachtet wird..“ Ab heute sind iPads available! Schluss mit Buchdruck, ein Hoch auf die neuen Medien (Mittel)! Das Retabel ist im übrigen super, hochglänzend ist es „nichtmenschlich“, wie von einem anderen Stern! Das Gewicht ist okay. Zwei Jungs können es heben und millimeterweise in die Bohrlöcher balancieren, kein Problem, wenn man sich von jeder Angst befreien kann. Die Abstände zwischen den Tafeln sind ob der guten Scharniere gleich null. Geschlossen hängt er wie die allerschönste Halbkreuz-Bildtafel an der Wand. Geöffnet wird er zu einem mächtigen Feld. Heute ist er gut so, morgen können wir eine Predella machen und noch mehr… Lieber Dr. D., heute möchte ich mich wirklich bedanken für diese große Sache! Ich bin jederzeit bereit, weiter zu machen, so wir bei aller Übung und der daraus resultierenden Leichtigkeit bereit sind, dieses Niveau zu halten. Nach 90 Jahren spielen die Salzburger Festspiele erstmals Zweig!?

SD: Oh, wunderbar. Was für ein Glanz! Die Fugenlosigkeit der Konstruktion ist ganz außergewöhnlich. Jetzt sehe ich auch, was die Reproduktion bewirkt: Sebastian und Jesus sind kleiner als Antonius. Das ist im Original auch so, kommt hier aber noch stärker heraus. Das ist wirklich ungewöhnlich, vorher fiel mir das gar nicht so auf. Wir brauchen auch die Predella! Das Bild ist sonst „bodenlos“. Was denken Sie?

LR: Die beste Stimmung unter dem Retabel hält weiter an! Zur Stunde wird in einer feinen Salzburger Schneiderei ein Schutzvorhang genäht. Das Video sucht noch nach seinem Ton — ansonsten ist es so gut wie fertig!